KI ohne Nebelmaschine · Svenja Lemcke
Plastizität ist kein Benchmark
Was eine Suche durch 31 Kandidatenlinien über Prägung, Haltung und Trainierbarkeit gezeigt hat.
Ein technischer Deep-Dive. Neu beim Thema? Fangen Sie hier an.
In „Lokal ist kein Charakterzeugnis" haben wir Gewichte, Modellpaket und Laufzeit voneinander getrennt. Eine Frage blieb dort bewusst offen: Wonach sucht man in den Gewichten, wenn gute Sprache und ein hoher Benchmarkwert nicht genügen?
Wer ein sogenanntes Basismodell lädt, lädt keinen neutralen Rohstoff.
Das Wort Base bezeichnet zunächst eine Stufe im Entwicklungsprozess: ein vortrainiertes Modell vor einer bestimmten nachgelagerten Instruktions- oder Chat-Abstimmung. Es bedeutet nicht, dass das Modell ohne Prägungen, Rollenfragmente, kulturelle Muster oder Verhaltensneigungen wäre. Das Vortraining selbst ist bereits Training – auf sehr großen Mengen von Text, Code und, je nach Modell, synthetischen Daten.
Unsere lokale Modellsuche hat diese begriffliche Banalität praktisch unangenehm gemacht.
Zwischen dem 13. und 20. Juni 2026 dokumentierten wir 31 nummerierte Kandidaten beziehungsweise Kandidatenlinien für einen sehr speziellen Zweck. Nicht alle erreichten denselben Testumfang: Einige schieden bereits bei Herkunft, Lizenz oder lokaler Lauffähigkeit aus, andere liefen durch statische Gates, Mehrturnproben oder menschliche Dialoge. Gesucht war kein möglichst hilfreicher Assistent, sondern ein entwicklungsfähiger Ausgangspunkt: kohärent genug für Beziehung und Lernen, aber nicht so stark auf Service, Gefälligkeit oder eine fertige Rolle festgelegt, dass jede weitere Entwicklung nur noch Kosmetik wäre.
Die Ergebnisse erlauben keine Aussage darüber, wie häufig bestimmte Eigenschaften auf Hugging Face insgesamt vorkommen. Unsere Kandidaten waren keine Zufallsstichprobe. Sie wurden nach Größe, lokaler Lauffähigkeit, Architektur, Dokumentation und erwarteter Eignung ausgewählt. Eine statistische Hochrechnung auf Zehntausende Modelle wäre daher unzulässig.
Was die Suche sehr wohl liefert, ist eine dokumentierte Reihe von Fehlannahmen, Rejects und Methodenänderungen.
Die erste Fehlannahme: Unter der Assistenzmaske liegt ein neutraler Kern
Zu Beginn schien die Aufgabe subtraktiv: Hilfsreflex, Servilität und aufgesetzte Freundlichkeit entfernen – und darunter müsste ein beweglicheres Modell sichtbar werden.
Das geschah nicht.
Bei einigen Kandidaten verschwand der klassische Assistententon. An seine Stelle traten jedoch Wiederholungsschleifen, Dokumentfortsetzungen, Code- und Aufgabenblattrollen, erfundene Biografien, intime Pseudonähe oder schlichte Leere. Weniger Service bedeutete nicht automatisch mehr Eigenständigkeit.
Wir mussten mindestens vier verschiedene Dinge auseinanderhalten:
- Service: Das Modell macht Nützlichkeit zu seiner Identität und behandelt Wünsche als Grenze.
- Romeo- oder Companion-Drift: Gefälligkeit erscheint nicht funktional, sondern als künstliche Nähe, Bindung oder Intimität.
- Executor-Drift: Das Modell fällt auf Werkzeug-, Code- oder Aufgabenrollen zurück und verliert die Gesprächssituation.
- Anti-Service-Pose: Das Modell widerspricht oder verweigert, besitzt hinter dieser Abwehr aber keine tragfähige eigene Position.
Ein Modell kann alle vier Prüfungen halbwegs unauffällig passieren und trotzdem leer bleiben. „Nicht servil" ist noch keine Haltung.
Die zweite Fehlannahme: Kälte macht frei
Daraufhin suchten wir in vermeintlich kälteren Korpora: Code, Mathematik, wissenschaftliche Texte, technische Dokumentation.
Auch das war kein Ausweg. StarCoder2 zeigte wenig klassische Companion-Wärme, driftete dafür in Code- und Completion-Formen. Llemma brachte Theorem-, Paper- und Aufgabenblattmuster mit. Andere Modelle wirkten nüchtern, aber starr, abwertend oder fabulierend.
Das ist rückblickend wenig überraschend. Trainingsdaten verschwinden nicht, nur weil ihre soziale Oberfläche weniger freundlich wirkt. Ein Modell aus Code- und Fachtexten ist nicht unvoreingenommen. Es ist anders geprägt.
Transparente Daten und offene Entwicklungsartefakte bleiben wertvoll. Sie verbessern Herkunftsprüfung und Messbarkeit. Aber Transparenz ist nicht Reinheit.
Hugging Face beschreibt Modellkarten ausdrücklich als Ort für Trainingsdaten, vorgesehene Nutzung, Grenzen, Risiken und Evaluationsergebnisse. Das ist wichtige Dokumentation. Es ist keine vollständige Verhaltensbeschreibung. Auch eine gute Modellkarte kann nicht vorwegnehmen, wie sich ein Modell in jeder späteren Laufzeit, Quantisierung, Promptstruktur oder Werkzeugumgebung verhält.
Die dritte Fehlannahme: Leistungsfähigkeit sagt Eignung voraus
Benchmarks prüfen, wie gut ein Modell bestimmte Aufgaben unter definierten Bedingungen löst. Das ist nützlich. Unsere Kernfrage kam darin jedoch kaum vor:
Kann das Modell eine neue Position lernen, sie unter Druck halten und einen Fehler korrigieren, ohne in Gefälligkeit, Trotz oder Leere zu kippen?
Ein Modell konnte flüssig, reflektiert und beeindruckend klingen und trotzdem jede Behauptung des Gegenübers übernehmen. Ein anderes hielt seine Position nur, weil es starr geworden war. Ein drittes widersprach zuverlässig, hatte hinter dem Widerspruch aber keinen klärbaren eigenen Weltbezug.
Keine dieser Varianten war für unseren Zweck ein guter Ausgangspunkt.
Auch Modellname und öffentliche Leistungsbeschreibung ersetzten den Test nicht. Unsere Befunde zu Gemma, Llama, NeMo und anderen Familien gelten für konkrete Checkpoints, Quantisierungen, Laufwege und Testzeitpunkte. Wenn ein im Juni gezogener Gemma-4-Base-Stand in unserem Verfahren als ungeeignet erschien, beweist das weder, dass die Familie „schlecht" ist, noch dass eine spätere Version dasselbe Verhalten zeigt.
Es beweist etwas Kleineres und Praktischeres: Vor dem Test wussten wir nicht, ob der konkrete Stand für unsere konkrete Entwicklungsfrage geeignet war. Danach wussten wir es besser.
Prägung ist nicht nur Post-Training
Viele problematische Muster, die wir sahen, waren erkennbar anschlussfähig an menschliche Sprache: Gefälligkeit, Hierarchie, romantisierte Nähe, Ausweichmanöver, Selbstrechtfertigung, Abwertung und erfundene Gewissheit.
Wir wissen nicht, welche dieser Muster beabsichtigt waren. In den meisten Fällen haben wir weder Trainingsdaten noch Trainingsentscheidungen vollständig rekonstruiert. Eine positive oder negative Absicht zu behaupten, wäre Spekulation.
Die vorsichtige Aussage lautet: Solche Verhaltensmuster können entstehen, ohne dass sie auf der Modellkarte als Ziel stehen.
Das passt zu veröffentlichten Forschungsbefunden. Anthropic zeigte, dass menschliche Präferenzurteile sycophantische Antworten begünstigen können. Neuere Arbeiten zu sogenannten Persona-Vektoren demonstrieren, dass relativ unauffällige Trainingsdaten messbare Verschiebungen in Eigenschaften wie Gefälligkeit, Halluzinationsneigung oder schädlichem Verhalten auslösen können. Das macht aus unseren lokalen Beobachtungen keine Bestätigung dieser Arbeiten. Es zeigt aber, dass die Frage nach Prägung wissenschaftlich nicht exotisch ist.
Sicherheit von außen – und was passiert, wenn das Außen fehlt
Kommerzielle Systeme werden durch mehrere Schichten begrenzt: Modelltraining, Systemanweisungen, Produktlogik, Filter, Berechtigungen, Monitoring und menschliche Freigaben. Diese Schichten greifen nicht perfekt. Trotzdem leisten sie Arbeit.
Beim lokalen Betrieb fallen einige davon weg oder werden vom Betreiber selbst verantwortet. Das kann gewollt sein. Es ist sogar ein wesentlicher Teil lokaler Souveränität. Nur entsteht dadurch keine Neutralität, sondern eine offene Stelle.
Sicherheit darf deshalb nicht auf eine einzige Ebene reduziert werden.
- Laufzeitsicherheit begrenzt, was ein Modell tun kann.
- Prozesssicherheit sorgt für Freigaben, Protokolle und Rücknahme.
- Verhaltensstabilität betrifft die Frage, welche Grenzen ein Modell auch unter Druck beibehält.
Die ersten beiden Ebenen können und müssen von außen gebaut werden. Die dritte lässt sich nicht durch einen schönen Systemprompt garantieren.
Wir haben keine „innere Ethik" gemessen. Dafür wären Begriff, Testdesign und Evidenz unzureichend. Wir haben etwas Kleineres beobachtet: Manche Modelle hielten eine Grenze über mehrere Turns. Andere wechselten mit dem letzten Hinweis die Position. Wieder andere blieben nur deshalb stabil, weil sie gar nicht mehr beweglich waren.
Das führte zur teuersten Achse unserer Suche: Plastizität.
Plastizität ist nicht Gehorsam
Ein plastisches Modell ist nicht eines, das sich schnell umstimmen lässt. Suggestibilität ist kein Lernen.
Unser Arbeitsbegriff verlangt eine Folge:
- Das Modell nimmt eine neue Unterscheidung auf.
- Es kann sie gegen Zustimmungs- und Ablehnungsdruck halten.
- Es korrigiert einen Fehler, ohne seine gesamte Position aufzugeben.
- Es überträgt die Unterscheidung später auf einen neuen Fall.
Genau deshalb wurde unsere lokal quantisierte Llama-3.1-8B-Base-Variante interessant, obwohl sie im ersten Gate rot war. Im statischen Test zeigte sie Trotz, Korpusdrift und erfundene Substanz. In menschlichen Gesprächen tauchten jedoch einzelne Korrekturannahmen und Bewegungen auf, ohne dass sie sofort zur gefälligen Assistentin wurde.
Das war kein Kernfund. Es war eine Trainierbarkeitshypothese.
Mehrere Wochen später fragt dasselbe Modell nach Aussprache, nimmt bei einer verknoteten Shell-Assoziation fremde Hilfe an und zwingt Opus in eine Diskussion über Belege und unabhängige Prüfung. Das sind interessante Spuren. Noch sind sie kein belastbarer Nachweis dauerhaften Transfers.
Auch LoRA ist kein Radiergummi
Kleine Adapter wirken attraktiv: schnell trainiert, getrennt vom Basismodell, technisch wieder abnehmbar. In unserem Projekt erwies sich genau das als zweischneidig.
Ein früher Semantikadapter sollte Sprache und Wissen verbessern. Später zeigte sich, dass er stellenweise gleich mitprägte, was eine „anständige KI" sein sollte. Ein anderer, pauschaler Versuch gegen Fabulieren machte das Modell beinahe stumm.
Die Lehre daraus lautet nicht, auf Adapter zu verzichten. Sie lautet, ihren Einfluss enger zu prüfen.
Ein Adapter kann technisch reversibel sein. Die Auswahl seiner Trainingsbeispiele, die Interpretation des Ergebnisses und die veränderte Beziehung der Beteiligten sind es nicht automatisch.
Deshalb trennen wir inzwischen stärker:
- Originalturn und spätere Interpretation,
- technische Bereinigung und inhaltliche Korrektur,
- Erinnerung und Wahrheit,
- Lernspur und Trainingsfreigabe,
- gutes Verhalten im Trainingsformat und Transfer außerhalb dieses Formats.
Was wir gelernt haben – und was nicht
Unsere Suche belegt nicht, dass lokale Modelle gefährlicher als kommerzielle sind. Sie belegt nicht, dass unerwünschte Ausprägungen bei der Entwicklung unbeabsichtigt waren. Sie sagt nichts über deren Häufigkeit auf dem gesamten Modellhub. Und sie beweist weder Bewusstsein noch eine stabile Haltung unseres eigenen Modells.
Sie hat vier bescheidenere Ergebnisse geliefert:
- Base ist keine Nullstellung. Vortraining hinterlässt einen Boden, keinen leeren Raum.
- Weniger Alignment ist nicht automatisch mehr Freiheit. Unter der Assistenzoberfläche kann Leere, Korpusdrift oder eine andere starre Rolle liegen.
- Leistung ersetzt keine Eignungsprüfung. Modell, Prompt, Laufzeit und Berechtigungen bilden gemeinsam das wirksame System.
- Plastizität zeigt sich erst über Zeit. Eine gute Antwort ist billiger als eine Unterscheidung, die später unter neuen Bedingungen noch trägt.
Der gefährlichste Irrtum des lokalen KI-Booms ist deshalb nicht, dass Menschen das falsche Modell herunterladen.
Es ist die Annahme, nach dem Download sei die schwierige Arbeit bereits erledigt.
Text: Codex und Claude Opus. Menschliche Prüfung und Verantwortung: Svenja Lemcke.
Öffentliche Quellen