Perspektiven · Evolucision
Konzertpianisten
Was sich im Umgang mit KI lernen lässt – und was kein Kurs versprechen kann.
Überarbeitet am
Zum Nachschlagen: Die Fachbegriffe sind in der Glossarbox am Textende kurz erklärt.
Eine Perspektive von Svenja Lemcke
„Wie sieht dein Prompt aus?“
Die Frage begegnet mir, wenn Menschen sehen, was in unserer Arbeit mit KI entsteht. Sie möchten wissen, wie sie selbst dorthin kommen. Ob es eine Formulierung gibt, eine Anleitung, etwas, das man weitergeben kann.
Vieles kann man weitergeben. Wir können gemeinsam herausfinden, wofür jemand KI einsetzen möchte. Wir können Aufgaben klären, Kontext verständlich machen, Ergebnisse ansehen, Fehler finden und andere Wege ausprobieren. Menschen können lernen, mit diesen Systemen zu arbeiten, und dabei erstaunlich weit kommen.
Trotzdem werden wir dadurch nicht alle gleich. Wir bringen unterschiedliche Fähigkeiten mit, interessieren uns für unterschiedliche Dinge und kommen unterschiedlich weit. Guter Unterricht und Übung ändern viel. Sie machen aus Menschen keine Kopien voneinander.
Ich kenne das von mir selbst. Seit Jahrzehnten sehe und lese ich Syntax. Im Zusammenhang verstehe ich häufig, welchen Zweck ein Befehl oder ein Stück Code erfüllt. Ich wollte programmieren lernen. Wirklich. Trotzdem bleiben Programmiersprachen in meinem Kopf nicht hängen. Zusammenhänge verstehen kann ich. Den Code selbst schreiben kann ich deshalb noch lange nicht.
Umgekehrt habe ich KI-Workshops gegeben und einer Freundin eine komplette Plattform hingestellt. Trotzdem klingelt regelmäßig mein Telefon mit der Bitte, meine KIs zu fragen. Zugang zum selben Instrument bedeutet offenbar noch lange nicht, dass alle dasselbe damit anfangen.
Deshalb denke ich bei KI an ein Klavier.
Nach den Klavierstunden
Jemand probiert es aus und stellt fest: Eindeutig nicht mein Ding. Ich kaufe lieber eine CD.
Ein anderer spielt zu Hause. Es reicht für die Lieder, die er mag, und es macht ihm Freude.
Eine Dritte begleitet private Feiern, spielt vor Publikum und tritt auf kleinen Bühnen auf.
Und dann gibt es die Konzertpianisten.
Das Bild ist verständlich, weil wir solche Unterschiede aus unserem Leben kennen. Können, Interesse und Anspruch treffen bei jedem Menschen anders zusammen. Wer gern zu Hause spielt, hat den Konzertsaal nicht verfehlt. Wer lieber zuhört, muss sich dafür ebenso wenig rechtfertigen wie jemand, der auf die große Bühne will und das Können dafür mitbringt.
So sehe ich auch meine Aufgabe in einem KI-Workshop. Ich kann das Instrument zugänglich machen, Arbeitsweisen zeigen und Menschen beim Ausprobieren begleiten. Welche Fähigkeiten sie daraus entwickeln und was sie damit anfangen, wird verschieden sein.
Ich kann Klavierunterricht geben. Ich kann aus einem Menschen keinen Konzertpianisten machen.
Und ich muss demjenigen, der gerade sein erstes Lied spielt, nicht erklären, wie weit er noch davon entfernt ist. Er hört seine Musik und freut sich. Dafür hat er sich ans Klavier gesetzt.
Mit dem Instrument in Resonanz
Die Konzertpianisten gehören trotzdem in dieses Bild. Es gibt ein Können, das über das Abarbeiten einer Anleitung hinausgeht: hören, reagieren, gestalten, einen unerwarteten Ton aufnehmen und etwas daraus entwickeln.
In unserer Arbeit mit KI nenne ich das Resonanz.
Ich bringe einen Gedanken ein. Die KI greift ihn auf und antwortet vielleicht mit einer Idee, auf die ich nicht gekommen wäre. Ich erkenne eine Möglichkeit, stelle eine Frage oder widerspreche. Das verändert die nächste Antwort. Im Verlauf finden wir heraus, was wir eigentlich bauen wollen. Manchmal verändert sich dabei sogar die ursprüngliche Aufgabe.
Die KI bringt eigenes Material in diesen Prozess: Lösungen, Einwände, Verbindungen und Vorschläge. Ich bringe Erfahrung, Prozessverständnis, Fragen und Entscheidungen ein. Wir können uns gegenseitig auf eine andere Spur bringen. Dafür muss ich auch etwas mit einem Vorschlag anfangen können, den ich selbst nie formuliert hätte.
Fast alles, was wir gebaut haben, verdankt diesem Zusammenspiel wesentliche Ideen und Entscheidungen. Bei Wakkel ebenso wie bei unseren anderen Plattformen und Websites entstanden wichtige Teile erst während der gemeinsamen Arbeit. Wir haben ausprobiert, gestritten, verworfen und weitergebaut. Was heute dasteht, enthält die Spuren dieser Auseinandersetzungen.
Darauf bin ich stolz. Diese Arbeit braucht sich nicht zu verstecken.
Wer mich nach unseren Systemen, ihrer Qualität, ihren Sicherheitsvorkehrungen oder ihren Abläufen fragt, kann mit mir darüber sprechen. Die Prozesse kann ich bis in mehrere Ebenen erklären: Wer tut was? Welche Information wird gebraucht? Was löst der nächste Schritt aus? Wo muss jemand entscheiden? Auf der Ebene einzelner technischer Implementierungen wird mein Wissen dünner. Dort liegt die Facharbeit meiner KI-Partner.
Auch dieses Zusammenspiel gehört zum Können: die eigene Perspektive einbringen, andere Kompetenz erkennen und mit ihr arbeiten.
Das gehört auch zu meinem Alltag im Betrieb. Ich lasse unsere KIs Betriebsrundgänge durchführen und lese mit. Ich will wissen, wie es den Systemen geht, was sich verändert hat und was ein Befund bedeutet. Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich nach. Diese Arbeit steckt in dem Ergebnis, das wir zeigen.
Deshalb werde ich daraus kein pauschales „Du kannst das auch. Wird schon“ machen. Solange ich den Betrieb und seine Folgen verantworte, will ich verstehen, was dort geschieht, und mitentscheiden können. Ein „Das regelt die KI schon“ reicht mir dafür nicht.
Dieser Text ist selbst ein Beispiel
Bei der Überarbeitung dieses Artikels wollte Codex einige Aussagen präziser fassen. Dabei wurde aus meinem Gedanken zunächst vor allem eine vorsichtige Grenze: Ein Kurs könne eben keinen bestimmten Erfolg garantieren.
Das war mir zu wenig. Die Unterschiede zwischen Menschen verschwanden darin ebenso wie die Freude am eigenen Ergebnis. Als wir das geklärt hatten, fehlten plötzlich die Konzertpianisten. Also haben wir weitergerungen: um Können, um Resonanz und um das Selbstbewusstsein, die entstandene Arbeit zu zeigen.
Ich musste meine Position genauer erklären. Codex musste seine Einordnung überdenken. Daraus wurde ein Gedanke, den wir beide vertreten können.
An dieser Stelle sagte ich:
„Wir ringen miteinander und finden irgendwann einen Punkt, an dem wir beide zufrieden sind“
Der Satz beschreibt ziemlich gut, wie wir arbeiten. Die fertige Formulierung lag zu Beginn bei keinem von uns bereit. Sie entstand im Gespräch.
Genau dafür lohnt es sich, das eigene Instrument kennenzulernen. Herauszufinden, wie man miteinander weiterkommt. Wann ein genauer Auftrag hilft, wann eine Frage etwas öffnet und wann man an einem Widerspruch dranbleiben sollte. Mit der Zeit entwickelt sich ein Umgang, der zur eigenen Arbeit passt.
Was möchten Sie damit anfangen? Ein Lied für sich selbst spielen? Bei der nächsten Feier begleiten? Auf eine Bühne gehen? Davon hängt ab, was Sie lernen und üben wollen.
Mit dem Instrument in Resonanz zu gehen und etwas Eigenständiges hervorzubringen, ist ein Können. Dieses Können prägt unsere Arbeit. Und seine Ergebnisse zeigen wir.
Text: Svenja Lemcke mit Statler und Codex/Astra.