Zurück zu Perspektiven

Zeig mir, wie du KI führst

Es gibt ein Muster, das sich seit dreißig Jahren wiederholt.

Eine Organisation kauft ein neues System. ERP, CRM, was auch immer gerade die Zukunft verspricht. Die Präsentation war überzeugend. Die Referenzen beeindruckend. Der Business Case gerechnet.

Dann beginnt die Implementierung.

Und dann passiert etwas Interessantes: Das System wird so lange verbogen, bis es die alten Prozesse abbildet. Die kaputten. Die von 1997. Die, die eigentlich der Grund waren, warum man ein neues System brauchte.

Zwei Jahre später sitzt das Führungsteam zusammen und fragt sich, warum SAP so scheiße ist.


SAP ist nicht scheiße. SAP macht genau das, was man ihm beigebracht hat.

Das System ist ein Spiegel. Es zeigt nicht, was auf dem Poster steht. Es zeigt, wie die Organisation tatsächlich funktioniert – wenn niemand hinschaut.


Dasselbe Muster, neue Technologie

Jetzt kaufen Organisationen KI.

ChatGPT Enterprise. Copilot. Claude. Was auch immer gerade die Zukunft verspricht. Die Präsentation war überzeugend. Die Demos beeindruckend. Der Hype unüberhörbar.

Und dann passiert wieder etwas Interessantes.

Die KI wird geführt wie eine Suchmaschine. Oder wie ein Mindestlohnempfänger.

„Fass das zusammen." „Schreib das um." „Mach das kürzer." Keine Fragen. Kein Kontext. Kein Dialog. Befehl rein, Output raus, nächster Befehl.

Sechs Monate später sitzt das Führungsteam zusammen und fragt sich, warum KI so overhyped ist. Die denkt ja gar nicht mit.


Die KI denkt nicht mit, weil niemand sie lässt.

Wer KI führt wie einen Praktikanten, dem man nicht vertraut, bekommt Praktikanten-Output. Wer KI behandelt wie Google mit Autokorrektur, bekommt Google mit Autokorrektur.

Das System ist ein Spiegel.


Die Frage, die niemand stellt

Wenn ich wissen will, wie eine Organisation wirklich tickt, frage ich nicht nach Werten. Nicht nach Vision. Nicht nach Führungsleitlinien.

Ich frage: Wie arbeitet Ihr Führungsteam mit KI?

Die Antworten sind aufschlussreich.

„Wir haben Richtlinien, was man eingeben darf." – Kontrolle vor Nutzen.

„Meine Assistenz macht das für mich." – Delegation als Distanzierung.

„Das ist was für die operativen Teams." – Führung hält sich für zu wichtig, um zu lernen.

„Ich hab das mal ausprobiert, aber die Ergebnisse waren nicht gut." – Ein Versuch, dann Urteil. Keine Iteration, kein Lernen.


Der eigentliche Test

KI-Nutzung ist ein Diagnose-Instrument.

Nicht für technische Kompetenz. Für Führungskultur.

Wer KI wie einen Untergebenen führt, führt wahrscheinlich auch Menschen so. Wer von KI erwartet, dass sie Gedanken liest, erwartet das auch von seinem Team. Wer nach einem Versuch aufgibt, gibt auch bei anderen Veränderungen schnell auf.

Und wer glaubt, das Tool sei das Problem, wird auch das nächste Tool verbiegen – bis es die alten Strukturen abbildet.


Die Frage ist nicht: Welche KI nutzen wir?

Die Frage ist: Wie führen wir?

Und wenn die Antwort auf diese Frage unbequem ist, liegt das nicht an der KI.


Wie arbeiten Sie mit KI?

Wenn Sie bei dieser Frage ausweichen wollen, haben Sie Ihre Antwort schon gegeben.